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A Skirt Is Not An Invitation

Aktualisiert: Aug 21

Kleider machen Beute? Es ist egal was Frau trägt, Man(n) achtet nicht darauf.

Fotos: Oliver Petek

Mit 16 Jahren machte ich mich das erste Mal alleine auf dem Weg zu einem Konzert in eine andere Stadt. Meine Vorfreude stand mir groß ins Gesicht geschrieben, als ich in den Zug stieg. Ich setzte mich in den leeren Wagon und freute mich darüber. Ich glaubte, so völlig ungestört meine Musik hören zu können. Eine Station weiter stieg ein Mann in den Zug ein und fragte mich, ob er sich neben mich setzen könne.


Ich war verwundert, denn der Zug war immer noch fast leer. Jedoch wollte ich nicht unhöflich sein, also rutschte ich ans Fenster. Es dauerte nicht lange bis er mich mit seltsamen Fragen durchlöcherte. Doch die Fragen waren bei weiten nicht das unangenehmste. Er rückte immer näher zu mir und bedrängte mich mit seinen Annäherungsversuchen. Als er anfing, meinen Oberschenkel zu streicheln wurde ich panisch und ich bat ihn mich in Ruhe zu lassen. Doch er ließ nicht locker. „Stell dich doch nicht so an, es sieht uns doch keiner“, wiederholter er immer wieder. Noch nie zuvor habe ich mich so erniedrigt und hilflos gefühlt wie in diesem Augenblick.


Und noch nie in meinem Leben hatte ich mich so sehr über eine Fahrkartenkontrolle gefreut. Als der Bahn Mitarbeiter unseren Waggon erreichte, hatte ich endlich die Gelegenheit zu entfliehen. Ich war völlig aufgelöst und fragte mich, warum gerade mir das passiert war. Und was passiert wäre, wenn der Kontrolleur nicht rechtzeitig gekommen wäre. Ich setzte mich in ein anderes Abteil und versuchte diesen Zwischenfall zu vergessen. Mit 23, erinnere ich mich kaum an den Konzertbesuch selbst, dafür hat sich dieser lästige Fahrgast tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Und ich werde jedes Mal, wenn ich einen Zug besteige an diese schreckliche Fahrt erinnert.


Meine Beweggründe mit Dir diese Erfahrung zu teilen sind zum einen der, dass die Erfahrung im Zug bei weitem nicht die schlimmste Form sexueller Belästigung ist. Das musste ich leider im selben Alter ebenfalls auf eigene Haut zu spüren bekommen. Mich haben die Privatnachrichten auf meine Story-Umfrage zu diesem Thema schwer getroffen. An dieser Stelle bedanke ich mich noch einmal an alle, die sich mir diesbezüglich geöffnet haben und mir ihr Vertrauen geschenkt haben. Ich weiß, dass es viel Mut braucht überhaupt darüber zu sprechen. Ich für meinen Teil habe es sogar für Jahre in mir vergraben. Besonders, weil die Erfahrung im Zug bei weitem die mildeste wahr.


Illustration: Jorn Siberian

Zum anderen, weil ich es leid bin, dass Sexualdelikte immer wieder aufgrund der „provokanten“ Outfits der Opfer:innen gerechtfertigt werden. Wie das Video der Carolin Kebekus Show thematisiert, entscheidet nicht die Kleidung über (leichte) Beute. Nein, es ist egal was Frau am Leibe trägt. Man(n) achtet sowieso nicht darauf und holt sich was er will. Und wie die Ausstellung in dem Video „Männerwelten“ zeigt, spielt leider auch das Alter keine Rolle.


Es ist nicht meine Absicht, alle Männer dieser Welt in einen Topf zu werfen und gleichermaßen zu kritisieren. Nicht zu selten sind es sogar Frauen, die zu Täter werden und die Grenzen des anderen ignorieren. Leider. Ob Mann oder Frau – Nein heißt nein.


Wüsste ich eine Zauberformel, die vor solchen Übergriffen langfristig schütz, würde ich Dir sofort ein Patent kostenlos zur Verfügung stellen. Da dem leider nicht so ist, möchte ich meinen Tribut mit ehrlichen Gedanken und Empfehlungen zollen.


1. IT’S A SKIRT, NOT AN INVITATION

Ein Mann in einem schönen Anzug geht mit einem großen Aktenkoffer die Straße entlang. Seine italienischen Schuhe sind poliert, er fühlt sich gut. Bei der Arbeit gibt er sein Bestes und freut sich nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern zu kommen.


Jemand attackiert ihn, drückt ihn gegen eine Wand, hält ihm ein Messer an die Kehle und verlangt nach seinem Aktenkoffer, seinem Ehering und seiner teuren Uhr.


Wer ist hier schuld? Der Typ im Anzug natürlich!


Hier ist er, ganz in seinem Element und lädt jeden ein, ihn auszurauben. Er stand morgens auf, zog seinen 900 € Anzug an, legte seine 300 € Uhr auf, nahm sein neuestes Handy und verließ das Haus.


Er bettelt regelrecht darum! Er will eindeutig überfallen werden. Wenn nicht, warum trug er dann einen so schönen Anzug? Warum hat er so ein schönes Handy?


Es ist sein Fehler. Er ist schuld. Seine Kleidung ist das Problem. Seine netten Dinge laden zu diesem Verbrechen ein. Wenn er nicht überfallen werden wollte, hätte er zu Hause bleiben sollen, oder? Hätte etwas anderes tragen sollen?


Was ist mit dem Average Joe, der überfallen wird? Der Typ, der eine Jogginghose trägt, der Typ in Shorts, der Typ, der keinen Anzug trägt? Warum wurde er überfallen? Warum wurde er für die 5 € in seiner Hosentasche geschlagen? Was hat er getan, um diese Art von Verbrechen einzuladen?


Es ist jedoch immer noch seine Schuld - Wenn man nicht überfallen werden will, besitzt man einfach keine schönen Dinge und bleibt zu Hause. Du kannst doch nicht erwarten, dass dich niemand überfällt? Pass doch auf dich auf!


Klingt lächerlich? Ersetzen wir dieses Beispiel von Männern durch Frauen und die Situation von Überfällen durch Vergewaltigungen.


Täglich werden Frauen jeden Alters begrapscht, angepöbelt, als „Hoes“ beleidigt und eingeschüchtert. Alles nur, weil ihre Kleidung oder ihr Auftreten so gedeutet wurde, dass man keinen Respekt und keinen Abstand wahren müsse.


„Die wahr ja freizügig angezogen und aufd Nacht alleine unterwegs. Da ist sie selber schuld.“ Markige Sprüche wie diese kennen wir alle. Sie sind Träger von „Slut Shaming“ und ignorieren das eigentliche Problem. Slut Shaming bedeutet nichts anderes, als dass ein Opfer, für das, was ihm widerfahren ist, verantwortlich gemacht wird.

Im Zug trug ich übrigens ein Longsleeve, das weder einen tiefen Ausschnitt besaß, noch figurbetont war. An diesem Tag hatte es sicherlich die 30 Grad Grenze überschritten, also entschied ich mich für eine kurze Denim Shorts, dazu Sandalen ohne Absatz. Also nichts besonders Auffälliges. Selbst wenn ich ein enges Kleid mit Leopardenprint und High Heels getragen hätte, wäre das für den Fremden kein Freifahrtschein zur Belästigung gewesen.


Was ist also die eigentliche Problematik? Menschen, die bei einem kurzen Sommerkleid jeden Respekt und achtungsvollen Umgang vergessen oder Frauen, die sich ganz einfach kleiden, wie es ihnen gefällt. Eins steht fest: Wenn wir uns demnächst alle in bodenlange Zelte einpuppen, wird das Problem auch nicht aus der Welt geschafft.


2. HOW TO PROTECT YOURSELF FROM SEXUAL ASSULT

Da stellt sich besonders für Frauen und Mädchen nun die Frage, wie man sich aktiv vor solchen Übergriffen schützen kann. Der Besuch eines Selbstverteidigungskurses ist sicherlich sinnvoll. Doch richtig immun wird man dadurch nicht. Auch die üblichen Ratschläge wie „gehe Nachts nicht alleine raus“, oder „trage keine reizende Kleidung“, tragen nicht ausreichend zur Lösung des Problems bei. Viel mehr schränken sie uns in unserer Freiheit ein.


Klar, genieße den „Hot Girl Summer“, aber mit Vorsicht. Untersuchungen zufolge hängen viele sexuelle Übergriffe mit Alkoholkontakt zusammen. Also


…kenne Deine Grenzen. Ein Rausch macht erheblich anfälliger für Angriffe, indem er das Urteilsvermögen beeinträchtigt oder die Fähigkeit einen Angreifer abzuwehren hemmt.


…behalte Dein Getränk immer im Auge. Wenn ein Täter Drogen in die Getränke schüttet, werden die Opfer schläfrig oder gar ohnmächtig. Solltest Du Dein Drink bei all der guten Vibes doch mal aus den Augen verloren haben, besorge Dir lieber ein neues.


…bleibe bei Deinen Freunden. Besuche Partys mit einer Gruppe von Personen, denen Du vertraust. Passt aufeinander auf und sorgt dafür, dass alle sicher nach Hause kommen. Solltest Du alleine ausgehen, stelle immer sicher, dass mindestens eine Person weiß, wohin Du gehst.


…habe einen Plan B. Wenn Dein Telefon ausfällt, hast Du ein paar Rufnummern im Gedächtnis? Hast Du Bargeld bei Dir, falls Du keine Kredit- oder Debitkarte verwenden kannst? Gehe von dem Besten aus, sei jedoch für das Schlimmste gefasst.


… sei vorsichtig mit dem, was Du in den sozialen Medien postest. Insbesondere, wenn es um Deinen aktuellen Standort geht. Viele Social-Media-Sites veröffentlichen automatisch Deinen Standort. Manche halten mich für paranoid. Aber ich hatte schon einmal einen Stalker, deshalb teile ich meine Storys oft erst Tage später.


…vertraue auf Dein Bauchgefühl. Wenn sich etwas an einer Person oder einem Ort falsch anfühlt, gehe sofort weg. Es ist in Ordnung zu lügen. Wenn Dir etwas an einem Ort oder einer Situation unangenehm ist, habe kein schlechtes Gewissen eine Ausrede ausdenken. Deine Sicherheit hat absolute Priorität.


Solange es Menschen auf dieser Welt gibt, die der Überzeugung sind, Frauen behandeln zu können wie es ihnen lieb ist, sind wir nie zu hundert Prozent geschützt. Was wir tun können, ist gefährlichen Situationen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, den Männern klare Grenzen zu setzen und diese müssen lernen sie zu akzeptieren.


3. AFTER SEXUAL ASSAULT


Sofortige Schritte

Gehe an einen sicheren Ort, an dem Du um Hilfe rufen kannst. Idealerweise sollte dies ein sicherer Ort sein, an dem Du nicht alleine bist, wie das Zuhause eines Freundes oder Familienmitglieds. Rufe die Polizei (110) an, um den Vorfall sofort zu melden - auch wenn Du Angst hast, dass Dir kein Glauben geschenkt wird. Trust me, ich bereue es, es nicht sofort getan zu haben. Rufe die nationale Hotline für sexuelle Übergriffe an. Unter der Nummer 0800 22 55 530 ist das Hilfe-Telefon sexueller Missbrauch bundesweit, kostenfrei und anonym erreichbar.

Auch wenn Du nicht das Gefühl hast, diese Hilfe zu brauchen, suche so schnell wie möglich einen Arzt auf, eine Arztpraxis, eine Notfallklinik oder ein Krankenhaus. Ärzte können helfen, Beweise zu sammeln und Ihre Verletzungen sofort nach einem Angriff zu behandeln.

Egal wie für welche Schritte Du Dich entscheidest, daher damit nicht alleine durch. Deine Sicherheit ist wichtig. Ziehe wirklich in Betracht, Dich an eine Vertrauensperson zu wenden, um Unterstützung zu erhalten. Du musst das nicht alleine durchstehen.


Moving Forward

Jetzt gilt es Deine zukünftige Sicherheit zu gewährleisten. Wenn Du mit einem gewalttätigen Partner zusammenlebst, treffe mit Deiner Familie bzw. Vertrauensperson Vorkehrungen, um eine neue Unterkunft zu finden, und teile dem Angreifer nicht Deinen Aufenthaltsort mit.


Die meisten sexuellen Übergriffe werden nie gemeldet. Ob Du Deinen Fall meldest oder nicht, ist Deine persönliche Entscheidung. Die Meldung eines Angriffs kann Dir jedoch helfen, ein Gefühl der persönlichen Macht und Kontrolle zurückzugewinnen. Es kann auch verhindern, dass es jemand anderem passiert.


Traumabewältigung

Sich von sexuellen Übergriffen zu erholen ist schwer und kann lange dauern. Möglicherweise fällt es Dir schwer, Deine normalen täglichen Aktivitäten wieder aufzunehmen. Selbst nachdem die körperlichen Wunden verheilt sind, kann immer noch emotionaler Stress verspürt werden. Häufige Nachwirkungen von sexuellen Übergriffen sind:

Körperliche Nachwirkungen:

  • Nervosität

  • Gestörte Schlafmuster

  • Muskelkrämpfe oder Krämpfe

  • Keine Libido

  • Schmerzen an Verletzungsstellen


Emotionale Nachwirkungen:

  • Angst

  • Selbstvorwürfe oder Schuld

  • Wut

  • Hilflosigkeit

  • Emotionale Ausbrüche

  • Ständige Sorge


Geistige Nachwirkungen:

  • Unfähigkeit sich zu konzentrieren

  • Depression

  • Verweigerung

  • Suizidgedanken

  • posttraumatische Belastungsstörung

Aufgrund der Schwere des Traumas, das häufig auf sexuelle Übergriffe folgt, ist es für Überlebende von entscheidender Bedeutung, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch wenn Du das Gefühl hast, keine Beratung zu benötigen, können die emotionalen und mentalen Nachwirkungen sehr plötzlich auftreten, insbesondere in Zeiten hoher Belastung. Scheue Dich nicht, um Hilfe zu bitten.

Egal wie für welche Schritte Du Dich entscheidest, gehe damit nicht alleine durch. Deine Sicherheit ist wichtig. Ziehe wirklich in Betracht, Dich an eine Vertrauensperson zu wenden, um Unterstützung zu erhalten. Du musst das nicht alleine durchstehen.


Lots of Love and Energy

- Rosie